Als Michael freimütig erzählte, gern mal Bier zu trinken,
witterten seine Gasteltern den Teufel in ihm. Jeden Sonntag weckten sie
ihn zum Kirchgang - um 6.15 Uhr. Am Ende sollte er noch beim Aufbau
einer Fundamentalisten-Kirche in Polen helfen: Das Protokoll eines
US-Schüleraustauschs.
"Als ich in Greensboro im US-Bundesstaat North Carolina aus dem
Flugzeug stieg, hätte ich niemals damit gerechnet, dass meine
Gastfamilie mich auf dem Flughafen mit einer Bibel begrüßen würde.
'Kind, der liebe Gott hat dich um die halbe Welt geschickt, um dich zu
uns zu bringen.' In diesem Augenblick wollte ich mich nur noch umdrehen
und zurück zum Flieger laufen.
Sobald ich in meinem neuen Zuhause in Winston Salem angekommen war, wo
ich mein Auslandsjahr verbringen sollte, häuften sich die Vorfälle. So
versammelte sich meine Gastfamilie jeden Montag am Küchentisch, um über
Sex zu sprechen. Meine Gasteltern selbst hatten seit 17 Jahren keinen
Sex mehr miteinander, weil sie, wie sie sagten, ihr Leben Gott
widmeten. Sie wollten auch wissen, ob ich Alkohol trinke. Ich gab zu,
dass ich gern Bier und auch Wein mag. Sie sagten, in meinem Herzen
stecke der Teufel.
Meine Gasteltern behandelten mich wie einen Fünfjährigen und
schenkten mir Lutscher. Jeden Sonntagmorgen wurde ich um 6.15 Uhr
geweckt. 'Michael, es ist Zeit, in die Kirche zu gehen.' Ich habe
diesen Satz gehasst. Als ich eines Morgens nicht mit in die Kirche
wollte, weil ich kaum geschlafen hatte, haben sie mir verboten, Kaffee
zu trinken.
Eines Tages sprach ich mit meinen Gasteltern über meine Mutter, die
von meinem Vater getrennt lebt. Meine Gasteltern waren empört - das
Herz meiner Mutter sei genauso vom Teufel erfüllt wie meines, riefen
sie. Gott habe gewollt, dass sie mit ihrem Mann zusammen bleibe.
"Das ist Gottes Wille"
Und weil wir schon mal bei Gottes Willen waren, rückten die
religiösen Eiferer endlich mit einem Thema heraus, das ihnen offenbar
schon lange auf der Zunge lag: Sie wollten, dass ich gemeinsam mit
ihnen eine fundamentalistisch-baptistische Kirche in meinem Heimatland
Polen aufbaue. So habe Gott es gewollt. Sie versuchten, das so
beiläufig zu erwähnen wie möglich, doch es hat mich wirklich
schockiert. Denn nur zu diesem Zweck hatten sie mich in ihre Familie
aufgenommen. Sie hatten mit dem Bau in Krakau bereits begonnen, ich
sollte ihnen bei Übersetzungen helfen und ihren Glauben mit Hilfe von
Pressearbeit weiter tragen.
Dass ich das auf keinen Fall tun würde, war für mich klar. Die
Familie gab sich entsetzt. Es war schon eine komische Situation,
schließlich waren diese Leute mein einziger Umgang zu dieser Zeit.
Hätte ich nicht über E-Mails Kontakt nach Hause gehalten, wäre ich
vielleicht in diese Welt hineingewachsen.
Erst nach vier Monaten entschied ich mich, die Gastfamilie zu wechseln.
Ich hatte immer die Hoffnung, es könnte sich doch noch bessern - doch
das war aussichtslos. Ihnen zu sagen, dass ich gehen wollte, war der
unangenehmste Moment, den ich in diesem halben Jahr erlebt habe.
Natürlich haben sie es nicht verstanden - wie denn auch? Sie waren mit
diesem Glauben aufgewachsen und überzeugt davon, und plötzlich kam ich
und weigerte mich, mich anzupassen.
Von dem Moment an habe ich die Tage gezählt. Die zwei Monate, die
auf meine Entscheidung folgten, waren die Hölle. Meine Gasteltern haben
mich verabscheut. Ständig gab es Streitereien. Ich habe zu spüren
bekommen, dass sie mich nur noch loswerden wollten. Sie konnten nichts
mehr mit mir anfangen.
67 Tage später war ich endlich in einer neuen Familie. Sie waren
jung, eigentlich mehr Freunde als Gasteltern, und ich war sehr
glücklich dort. Da meine neue Familie nur 50 Kilometer von meiner
ersten Gastfamilie entfernt wohnte, war ich zuerst misstrauisch und
hatte Angst, dass sich gar nichts bessern wird. Doch der Wechsel hat
sich gelohnt.
Ich habe trotz allem noch nicht mit dieser Erfahrung abgeschlossen.
Demnächst möchte ich der religiösen Familie einen Brief schreiben, in
dem ich ganz klar und ruhig erkläre, warum alles so schief gelaufen
ist. Denn so sollte es nicht enden."